Zwei tropische Augustgedichte von 2006

August 13th, 2010 by lotharthiel

 

genius augusti

 

von wegen dummer august

keiner macht der sonne
mehr lust als er
ihre ganzen trümpfe auszuspielen

ihr nie auszublasendes porträt
im swing von sonny clark
die nackt lachenden cocktails im palmenschatten
weil sie ihre photonen in die
windigsten wedel dort
oben am himmel hineinschreibt
die gletschersekunden die
sie unten auf den rollenden wellenbergen vergisst
oder der sie rot in sich hineinsaufende
mund der bougainvillea

und der stechendste
sonnenbrand für alle anderen.

Saly Niakh Niakhal /Senegal, 25. August 2006

 
 

wunderbar bekloptes bad

 
saly, à la petite côte:

der lang ersehnte augenblick ist endlich da,
an dem ich unaufhaltsam in die himmlische brühe hineinstapfe.
soichwarm würde der schwabe sie nennen, doch der schwabe, gottlob,
west hier nur rudimentär an in gestalt meiner wenigkeit.

nicht den geringsten widerstand leistet der atlantische ozean,
als ich ihn mit meinen verschwitzten bleichen füßen betrete,
schließlich hat er schon ökologisch weit bedenklichere situationen gemeistert.
djembéklänge wehen von ferne her.

bald verliert sich der boden unter meinen zehen.
sagt: kann denn ein blutjunger delphin anders empfinden als ich jetzt,
synkopisch mich einfügend in das sanfte auf und ab der wellen?
vielleicht, nein: wahrscheinlich wird man es nie ganz genau wissen.

komplexeste gestalten entstehen vor dem entzückten auge
und haben sich schon wieder in andere verwandelt.
ein schwäbischer geist (selbst noch auf rudimentärer schwundstufe)
hat jetzt nur die wahl, entweder philosophisch über die welt nachzusinnen

oder, dem reinen gefühle folgend, immer werther und werther hinauszuschwimmen
und wie vielleicht, nein: gewiss noch nie zuvor im leben
klopstock auszurufen, nein klopstock hinauszuschreien,
hinweg über das geplätscher der wellen, das jetzt ein wogentosen sein müsste:

„klopstock! kloopstock! klooopstock!”
klopstock piepst und bäuerlet es aus dem bierbäuchlein heraus
zur karibik hinüber, kommt dort aber nicht an.
nur djembéklänge wehen von ferne her.

Saly Niakh Niakhal /Senegal, 9. August 2006

winterbeginn

Juli 24th, 2010 by lotharthiel

 
dir treffen sich
die freunde,
so lautlos
wie das naß,
worin grauer himmel deinen tag senkt,
zuwendend still,
als böte dir jeder sein schweigen
zum letzten geschenke.

grünes haar,
da der abstand die nähe,
spott die idee
dem gemeinen verbarg.

haar so schwarz,
fallend
auf den grund
eines meeres der liebe.

hinter einem gefäß voll asche
tragen wir dich,
jeder allein,

durch gräberwege,
die du kanntest,
und deinen herbstregen,
der heute zu schnee reift.

1993

windstille

Juli 23rd, 2010 by lotharthiel

 
verwunderung der lüfte
indezentem fluge
folgendem bloßen schauen
schließlich zu begegnen

1993

Zum Sommeranfang 2010 zwei Herbstgedichte von 1997

Juni 30th, 2010 by lotharthiel

 
murnauer moos

samstag ists altweibersommermäßig.
staunen birkenlaub und rote schilf-
wiesen und ferne berge zerlachen sich
zu weiter luftbläue. die sonne sendet
noch einmal, für die jahreszeit zu spät,
heißen kuß mir auf die haut, wenn ich
die farben der landschaft ins bild säe.

 
herbstliches mißgeschick

von den drei birnen,
die bis in diese oktobertage
ihren hängort am baum
in meinem garten behaupteten,

genoß zwei ich schon mal selbst.
die letzte bestimmte ich dir
zum liebevollen geschenk.
(lütt dirn kumm man röwer,

ick hebb ne birn.)
die aber war zu schwach,
um bis zu unserem geplanten
wiedersehen am aste durchzuhalten.

unser treffen fiel dann aus
und die birne ins gras,
wo sich sogleich ameisen
und schnecken an ihr gütlich taten.

hommage aux ancêtres

Mai 26th, 2010 by lotharthiel

 

villon, oh, hurenbusenholder schreiber!
dein lieblingsthema sind die kecken weiber
und witze auf die werte geistlichkeit:
kein hypokrit ist gegen deinen spott gefeit.
stoß mit mir an und ärg’re brav die sklaventreiber!

item, rimbaud: du frühstversoffner dichter,
schenk mir von deinem scharfen fusel ein!
beim allerersten schluck schon wird mir lichter
und nach dem zwölften werd ich noch erpichter
auf deine geilen reime sein.

doch du, baudelaire!!! — verbaler todesschütze,
der, wie es scheint, all seine dichtergrütze
benutzt, auf dass aus schönheit blanker eiter quelle:
vergiss nicht deine postbarocke pfaffenmütze
und lauf nur rasch nach haus, in deine hölle!

 

für w.b. in erinnerung an lustige ¼e-stunden in b. 2010

 

 (kunsthonig gefällig?)

hommage aux ancêtres (Audio)

Stechpalmenwelt

April 25th, 2010 by lotharthiel

Ein ziemlich hermetisches Gedicht. Hat es nicht sein sollen (ich mag hermetische Lyrik nicht besonders von wegen ‘blinde Motive’ und so), ist aber am Ende hier nicht anders gegangen. Über die eigene Kindheit, eine ziemlich private Angelegenheit. Ob das Gedicht Raum lässt für eigene Assoziationen des Lesers? A vous de décider.

Vielleicht füge ich später noch ein paar ‘Verständnishilfen’ hinzu. Vor’m ‘detektivischen Lesen’ wär’s zu früh.

 

Stechpalmenwelt

 

 

1

 

In seinem Garten:

mein heckenverhülltes Reich,

Fundsteinkammer im Prä-Asphaltzeitalter,

der wurzelnde Zweig neben dem Vogelgrab.

 

In seiner Wohnung:

Zufluchtsort vor’m antiken Teppichreiniger der Mutter,

ein halber Zentiliter Bier mit Brezel,

Mittmaigleichheit hinter Efeustille,

auf dem Tisch Sechsundsechzig. -

 

Dem alten Manne

danke ich das Abendrot.

 

 

2

 

Beaujolais: ein in Maßen zu genießender Wein

am Abend.

 

Ich entdeckte damals sein rotes Glühen,

erfuhr, dass sein Zuckergehalt mit gelben Teststreifen,

die sich grün verfärben,

zu ermitteln sei.

 

Doch seinen aufblühenden Geschmack begriff ich erst,

als der alte Mann und seine Tochter

schon lange tot waren.

die lipotrilogie

April 9th, 2010 by lotharthiel

 

das drama der verfemten materie in drei akten

1. fett objektiv:

diochsin

staubige grundstoffe bilden den träger,

den man mit ranzigem altöl besprüht

oder vermischt – und zu futter aufbrüht.

dank sagt der ochs, denn er ist ja kein jäger.

fettsammler eilen behend durch die straßen:

fett aus friteusen und kuchenfabriken,

backstuben, kacktuben, fastfoodboutiquen –

überall tröpfelt es geld solchermaßen.

doch nicht allein aus tischkutter

verfertigt man das mischfutter:

schlachtabfall und krankkadaver,

tiermehl – knochen, gute nacht! –

liefern eiweiß, daß es kracht.

dank sagt der mensch, denn er ist ja kein jäger.

2. fett subjektiv:

ich lebe, also verfette ich

meine visage! da flutscht das geschmunzel:

rutscht von den lippen zum ohrlappenrand,

wabert zurück an des kauorgans strand,

neun zentimeter entfernt von der runzel,

die ich vor zeiten als fremdling verachtet,

als sie die glätte der stirne getrübt.

später dagegen hab’ hart ich geübt,

wie in den teig doch noch linien man schachtet:

da seh’ ich mich mein antlitz straffen,

das fleisch zerschnipseln wie die laffen,

die smailen woll’n wie ihre söhne.

doch meine siebte teeniehaut

wär’ auf zu dünnes eis gebaut. -

jetzt halt ich’s mit der inn’ren schöne!

3. fett relativ:

kosmos lipophilos

fern von der erden bahn segelt ein runder

gasplanet unbeirrt rund um die sonne

mit seinen ringen in ewiger wonne.

er ist kein mensch, darum nahm dies nicht wunder.

magre gestirne wirst nirgends du finden

üppigkeit, wohin das auge auch blickt!

und auf des mondes grund herrscht das verdikt:

pfende dicke darf schwerkraft nicht schinden.

schlank reimt auf krank und sogar auf gestank,

fett klingt wie bett und, man staune, sonett.

so also endet der leidige zank.

daraus nun folgt (mancher ahnt es wohl schon)

als urgeheimnis der gravitation:

schönheit und fülle erstrahl’n im duett!

 

 

(kunsthonig gefällig?)

einer schauspielerin

März 28th, 2010 by lotharthiel

 

zwischen dem
fremden das durch dich lebt
und dem puren hiersein
deines körpers
leuchtet dein augenblick
alles und nichts

(- - -)

eines deiner besten bäder

März 20th, 2010 by lotharthiel

 

rückblickend verschwimmt alles
das meer mit dem sand den wolken und den fetten nassen blitzen
nach dem bad einem deiner besten

das begann in der see
die unter der zunehmenden schwüle schon unwillig wurde

nicht einmal farblich sich entscheiden konnte

im westen wo die sonne noch botschafter beließ
in paynesgrauen siesta-samt sich hüllte

jedoch im osten unter nächtlichen lüften
nackt in weit leuchtende tänze eintrat

es muss nicht gleich zu ende gehen

wenn inmitten des nassen geschaukels
du den horizont fahler werden und den strand sich entvölkern siehst

es muss nicht gleich zu ende gehen

wenn die wogende dunkelheit immer mehr
fluoreszierende fischleichen heranschwemmt
denn du bist ein mensch mit roten ohren*

und es wird gewiss nicht ausgerechnet jetzt schluss sein

nur weil donner & blitz in schiefer schlachtordung
den schwarzen wolkenbogen dir über’s haupt schieben

wo doch zu gleicher zeit lustig funkelnde süßwassertropfen
das meer und dein resthaar mit tropischer konsequenz durchkämmen

was jedoch das beste ist
niemand steht am ufer um über deinen rotohrigen wahnsinn
nicht einmal mehr den kopf zu schütteln

gar keine frage eines deiner besten bäder.

(Saly Niakh Niakhal / Senegal 2006)

—————————————–

* xonq-nopp [chonkh-nopp] (wolof); rotes Ohr, umgangssprachlich für Angehöriger der weißen Rasse

der fruchtbarste moment

Februar 26th, 2010 by lotharthiel

 

als salamander wandern lernten,
die wanzen dazu tanzen wollten
und asseln sich im tollhaus tollten,
war es dies kleine haus in kärnten,

wo wir des abends uns entkernten:
die äpfel, birnen - oft gescholten,
wenn wir in morsche körbe rollten,
und uns dabei vom sein entfernten!

klar: klagen hilft dem wunden ego,
das fleischmann kennt und märklin; lego.
doch kennt es auch des obstes sorgen?

wer denn, der frech uns angebissen,
befragte vorher sein gewissen?
bedenkt dies: heute! - oder morgen.

 

(- - -)

der fruchtbarste moment (Audio)